OLG Nürnberg weist Kahanes Amadeu-Antonio Stiftung in die Schranken: Xavier Naidoo darf nicht als Antisemit bezeichnet werden

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NÜRNBERG – Das Oberlandesgericht Nürnberg urteilte am 22.10.2019 unter dem Aktenzeichen – 3 U 1523/18 -, daß im vorliegenden Fall die Schwere des Eingriffs in Persönlichkeits­rechte Recht auf freie Meinungsäußerung überwiegt.

Das Oberlandesgericht Nürnberg hat damit das Urteil des Landgerichts Regensburg bestätigt, dem gemäß eine Fachreferentin der Amadeu-Antonio Stiftung den Sänger Xavier Naidoo nicht als Antisemiten bezeichnen darf.

Das LG-Nürnberg meldet: Die Beklagte des zugrunde liegenden Verfahrens hatte am 5. Juli 2017 in Straubing im Rahmen einer Diskussion, welche im Anschluss an einen von ihr als Fachreferentin der Amadeu-Antonio Stiftung zum Thema „Reichsbürger – Verschwörungsideologie mit deutscher Spezifik“ gehaltenen Vortrag stattfand, folgende Aussage getätigt;

„Er (Anm.: gemeint ist Xavier Naidoo) ist Antisemit, das darf ich, glaube ich, aber gar nicht so offen sagen, […]. Aber das ist strukturell nachweisbar.“.

Xavier Naidoo erhob daraufhin Klage zum Landgericht Regensburg und verlangte u. a. die Unterlassung dieser Äußerung.

LG gibt Klage von Xavier Naidoo statt

Das Landgericht Regensburg gab der Klage statt. Zwar sei die Äußerung der Beklagten als eine Meinungsäußerung und nicht als Schmähkritik zu qualifizieren und daher grundsätzlich vom Schutz des Art. 5 Abs. 1 GG erfasst, sie verletze den Kläger aber in seinem Allgemeinen Persönlichkeitsrecht. Im Rahmen einer Abwägung komme diesem Vorrang zu.

Die Beklagte legte gegen das Urteil des Landgerichts Regensburg Berufung zum Oberlandesgericht Nürnberg ein und begründete diese u. a. damit, dass das Landgericht im Rahmen der Abwägung zu Unrecht verlangt habe, dass die Beklagte gewichtige Beweise für ihre Meinung vorlege. Man könne auch die Liedtexte des Klägers nicht isoliert von diesem betrachten: Die Kunstfreiheit stelle keine Schranke des Rechts dar, seine Meinung zu äußern

OLG bejaht erheblichen Eingriff in das Persönlichkeitsrecht

Das Oberlandesgericht Nürnberg wies die Berufung der Beklagten zurück. Es liege nach Ansicht des Gerichts ein erheblicher Eingriff in das Persönlichkeitsrecht des Klägers vor. Die Äußerung habe gerade vor dem historischen Hintergrund eine Prangerwirkung und setze das Ansehen des Klägers herab.

Aussage kann nicht als Schmähkritik angesehen werden

Dieser Eingriff sei auch rechtswidrig. Die Äußerung der Beklagten ist auch nach Auffassung des Oberlandesgerichts als eine Meinungsäußerung zu qualifizieren, da sie eine Wertung enthalte, die nicht dem Beweis zugänglich sei. Auch das Oberlandesgericht sehe die Aussage nicht als Schmähkritik an, da es der Beklagten im Rahmen der Diskussion ersichtlich nicht um eine reine Diffamierung des Klägers gegangen sei. Deshalb sei die Frage der Rechtswidrigkeit im Rahmen einer Abwägung zwischen dem Allgemeinen Persönlichkeitsrecht und dem Recht der freienMeinungsäußerung zu klären.

Bezeichnung als „Antisemit“ stellt besonders weitreichenden und intensiven Eingriff in allgemeines Persönlichkeitsrecht dar

Für das Recht auf freie Meinungsäußerung spreche, dass ein offener Diskurs über verdeckte antisemitische Tendenzen in der heutigen Gesellschaft gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte wichtig sei. Der Kläger wiederum bringe sowohl in seinen Liedtexten als auch bei sonstigen Auftritten und Aktionen seine politischen und gesellschaftlichen Anliegen sehr proaktiv ein und stelle seine damit verbundenen Ansichten öffentlich zur Diskussion. Die Bezeichnung als „Antisemit“ sei aber vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte als besonders weitreichender und intensiver Eingriff in das allgemeine Persönlichkeitsrecht des Klägers zu werten.

Auch Frage der Richtigkeit der Tatsachenbehauptung entscheidend

Die Meinungsäußerung der Beklagten enthalte wertende und tatsächliche Bestandteile, weshalb auch die Frage der Richtigkeit der Tatsachenbehauptung, auf der die Wertung aufbaue, im Rahmen der vorzunehmenden Gesamtabwägung eine Rolle spiele. Die Beklagte führe zur Begründung ihrer Auffassung u. a. an, dass der Kläger in zwei Liedern antisemitischen Code und antisemitische Chiffren verwende und mit darin enthaltenen Bildern antisemitische Klischees bediene. Der Kläger sei dem entgegen getreten und meine, dass seine Texte hier falsch interpretiert werden. Er sei nicht judenfeindlich. In diesem Zusammenhang sei so das Oberlandesgericht – auch zu berücksichtigen, dass der Kläger im Jahr 2005 in der Oper in Tel Aviv anlässlich des 40jährigen Jubiläums der deutsch-israelischen Beziehungen ein Konzert gab. Er unterstütze außerdem unstreitig Initiativen gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenhass, z.B. die Initiative „Brothers Keepers“ oder „Rock gegen Rechts“. In Interviews habe er sich mehrfach gegen Antisemitismus ausgesprochen.

Beweis für Antisemitismus nicht erbracht

Die Äußerung der Beklagten, dass der von ihr behauptete Antisemitismus des Klägers „strukturell nachweisbar sei“, lasse sich auch so deuten, dass es objektive Beweise gebe, worauf ihr Werturteil beruhe. Solche Beweise konnte die Beklagte jedoch nicht erbringen, sie habe lediglich die Liedtexte des Klägers und auch verschiedene Äußerungen seinerseits in einer bestimmten Weise gedeutet, von der sich der Kläger aber distanziert habe.

Eingriff in Persönlichkeitsrechte wiegt schwerer als Recht auf freie Meinungsäußerung

Aufgrund der Schwere des Eingriffs in das Persönlichkeitsrecht des Klägers überwiege dieses das Recht der Beklagten, ihre Meinung frei zu äußern, zumal die Beklagte aufgrund ihrer Äußerung den Eindruck erweckt habe, dass sie sich – wie tatsächlich nicht – auf objektive Beweise für die Tatsachen stützen könne, auf denen ihre Wertung beruhe. Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (sogenannte Stolpe-Doktrin) sei bei einer Unterlassungsklage diejenige Deutung zugrunde zu legen, welche das Persönlichkeitsrecht des Klägers am meisten beeinträchtigt.

Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

 

TAZ macht Opfer zum Täter

Die linksrote TAZ scheint mit diesem Richterspruch gar nicht zurecht zu kommen. Ungeachtet des Faktums, daß Naido aus dem Nichts heraus und ohne offenbar selbst dabei gewesen zu sein, als Antisemit bezeichnet wurde, schreiben diese Leute:

Die Gerichte beweisen wieder einmal, dass im Halle-ist-ein-Alarmsignal-Land kein Verständnis dafür herrscht, wie Antisemitismus funktioniert. Wer in einem antisemitischen Land lebt, muss aktiv daran arbeiten, antisemitisches Gedankengut kenntlich zu machen, und es verurteilen. Insofern geht es bei Naidoo nicht um Absicht, sondern um Einsicht – und die zeigte er an keiner Stelle.

Wer Naidoo getrennt von dem Anschlag in Halle betrachtet, von andauernden Warnungen des Zentralrats der Juden, von täglichen Berichten antisemitischer Übergriffe, wer erst von Antisemitismus spricht, nachdem Schüsse fallen, verharmlost nicht nur Ressentiments, sondern macht sich mit antisemitischem Gedankengut gemein – und wird so diskursiver Brandstifter.

Mit anderen Worten: Das Opfer wird zum Täter gemacht.

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