AVENTURA/MIAMI – Die geplante tägliche KI-Kartierung der Erde durch Satellogic und Palantir schafft eine Überwachungsinfrastruktur, bei der nicht die Technik, sondern die ungeklärte Frage nach Kontrolle, Zweck und Rechtsschutz über Nutzen oder Missbrauch entscheidet.
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Satellogic will mit dem System Merlin die gesamte Erde täglich in einem Meter Auflösung erfassen. Bordeigene KI soll Objekte erkennen, Veränderungen bewerten und Warnmeldungen auslösen. Das ist für zivile Zwecke gedacht, ausdrücklich aber auch für Militär und Geheimdienste. Palantir ist seit 2021 Partner und liefert Analysesoftware sowie den Zugang seiner Kunden zu den Bilddaten. Die Journalistin Whitney Webb warnt vor einer Nutzung zur Vorhersage menschlichen Verhaltens. Sie sieht einen Zusammenhang mit der US-Direktive NSPM-7, die von der ACLU als zu weit gefasst kritisiert wird. Der Bericht fragt, wer die Daten nutzen darf und wie sich Betroffene gegen algorithmische Einstufungen wehren können.
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Vom Einzelbild zur Dauerbeobachtung
Das Unternehmen Satellogic plant mit dem Merlin-System einen Wechsel in der Erdbeobachtung. Bisher werden Satellitenbilder meist gezielt bestellt und liefern Momentaufnahmen. Merlin soll den gesamten Planeten täglich mit einer Auflösung von einem Meter erfassen. Das Unternehmen beschreibt diesen Schritt als Übergang zu
Vorgestellt wurde das System im März. Der erste Satellit sollte nach Unternehmensangaben im Oktober 2026 starten, die gesamte Konstellation soll in der ersten Hälfte des Jahres 2027 einsatzbereit sein. Ob der Start inzwischen erfolgt ist, geht aus dem zugrunde liegenden Bericht nicht hervor.
Überwachen lassen sollen sich damit Millionen von Orten, darunter Militärstützpunkte, Häfen, Flughäfen, Grenzübergänge und Energieanlagen. Genannt werden auch zivile Einsatzfelder wie Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Umweltbeobachtung und die Steuerung von Stromnetzen.
Künstliche Intelligenz im Orbit
Der eigentliche Kern des Konzepts ist die Auswertung. Die Satelliten sollen mit eigener KI-Verarbeitung ausgestattet sein. Sie sortiert Aufnahmen nicht nur, sondern klassifiziert Bildinhalte, erkennt Objekte und meldet Veränderungen. Nach den Angaben im Bericht kann
dafür herangezogen werden.
Als Beispiele nennt der Bericht das Auftauchen oder Verschwinden überwachter Objekte, Fahrzeugbewegungen in einem Gebiet und Veränderungen an Flughäfen oder anderer Infrastruktur. Stuft das System eine Veränderung als bedeutsam ein, löst es eine Warnung aus. Zusätzlich können weitere Satelliten auf die betreffende Stelle ausgerichtet werden, um genauere Bilder zu liefern. Diese Funktionen sind ausdrücklich auch für Verteidigungs- und Geheimdienstzwecke vorgesehen. Die Technik ist also von Beginn an doppelt nutzbar.
Palantir als Partner
Der US-Konzern Palantir arbeitet nach den Angaben schon seit 2021 mit Satellogic zusammen. 2022 gaben beide Unternehmen eine auf fünf Jahre angelegte Kooperation bekannt. Satellogic nutzt dabei die Datenplattform Foundry. Die Regierungs- und Geschäftskunden von Palantir erhalten über die Systeme MetaConstellation und Edge AI Zugang zu den Satellitenbildern.
Im April 2022 wurde zudem ein NewSat-Satellit mit Palantir-Technik an Bord gestartet. Laut einem Palantir-Bericht konnte er schon im Orbit Aufnahmen vorsortieren, etwa Schiffe, Flugzeuge und Gebäude erkennen und das relevanteste Material zur Übertragung auswählen. MetaConstellation wird als Programm beschrieben, das Hunderte Satelliten und weitere Sensoren verknüpft und für jede Fragestellung die passenden Quellen auswählt. Merlin selbst ist eine eigene, getrennt geplante Konstellation.
Von der Beobachtung zur Vorhersage
Die Journalistin Whitney Webb stellt weniger die Bildaufnahme in den Mittelpunkt als den nächsten Schritt: die Prognose. Würden Satellitenbilder mit anderen Datenbanken und KI-Modellen verbunden, könnte das zukünftige Verhalten von Personen oder Gruppen eingeschätzt werden. Sie warnt vor der Möglichkeit, Menschen ins Visier zu nehmen, bevor eine Straftat begangen wurde. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von
und die Einstufung hinge dann von dem ab, was Algorithmen für wahrscheinlich halten.
Die Betreiber argumentieren anders. Palantir spricht von schnellen „Einblicken“ für Entscheidungsträger und von Algorithmen, die relevante Objekte finden. Der Unterschied liege
„weniger in den technischen Fähigkeiten als vielmehr darin, wer eine Bedrohung definiert“
und welche Folgen eine algorithmische Bewertung haben solle. Das Risiko liegt demnach weniger in der Technik selbst als in ihrer Anwendung.
Der politische Rahmen in den USA
Webb verbindet die Entwicklung mit der verstärkten Verfolgung
durch die US-Regierung. Im September 2025 erließ Präsident Donald Trump die Direktive NSPM-7. Sie weist US-Bundesbehörden an, Netzwerke hinter politischer Gewalt zu erkennen und zu zerschlagen. Das schließt Ermittlungen gegen Einzelpersonen, Organisationen und Geldgeber sowie die Auswertung wiederkehrender Verhaltensmuster ein, die auf künftige Gewalt hindeuten könnten.
Die Bürgerrechtsorganisation ACLU kritisiert die weite Formulierung. Sie könnte aus ihrer Sicht Überwachungsmaßnahmen gegen Aktivisten, gemeinnützige Organisationen und politische Kritiker begünstigen, selbst wenn deren Tätigkeit durch Meinungs- und Vereinigungsfreiheit geschützt ist. Der Bericht zeichnet damit ein Bild paralleler Entwicklungen. Die technische Infrastruktur wächst, und gleichzeitig erweitert sich der rechtliche und politische Auftrag, Gefahren frühzeitig zu erkennen.
Offene Fragen
Letztendlich bleiben drei Fragen offen:
- Wer darf das Material nutzen?
- Welche Ziele sollen verfolgt werden?
- Und wie kann sich verteidigen, wer von einem Algorithmus ausgewählt wird?
Sie berühren zentrale Punkte der Debatte über KI-gestützte Überwachung. Dazu gehören Zugriffsrechte, Zweckbindung, Kontrolle und die Möglichkeit, gegen automatisierte Einstufungen vorzugehen. Das gilt besonders dort, wo sich militärische, geheimdienstliche und zivile Nutzung überschneiden.


